

Die
Legende vom Familienhund:
Die
meisten unserer Hunde gehören zu den Gebrauchshunderassen. Das bedeutet:
sie benötigen sinnvolle Arbeit und Beschäftigung um zufrieden und
ausgeglichen leben zu können. Die Anforderungen, die sie an die Art der
Aufgaben stellen, sind von Hund zu Hund verschieden - gebraucht werden wollen
sie alle! Familienhunde wie Lassie, die allein damit zufrieden sind,
den Menschen zu gefallen und sonst keine Ansprüche stellen, gibt es nur
im Fernsehen - mit der Realität hat dieses Bild vom Hund nichts
zu tun!
Warum
die Wahl der Hunderasse entscheidend für ein problemloses Miteinander
ist:
Wenn
ein Hund auf die Welt kommt, bringt er einiges ins Leben mit, anderes muss
er noch lernen. Von Anfang an hat er besondere Eigenschaften und Bedürfnisse,
die genetisch bedingt sind und sich nicht wegerziehen lassen! Diese
(rasse)spezifischen Eigenschaften lassen sich nicht durch Erziehung beseitigen
- man kann sie lediglich in gewisse Bahnen lenken - mehr nicht! Hat Ihr Hund
z.B. einen sehr starken Jagdtrieb, werden Sie mit "Ich will aber nicht,
dass er jagen geht!" nicht weiterkommen. Wenn Sie versuchen, jedes
Jagen zu unterbinden, werden Sie scheitern! Entweder ihr Hund nutzt günstige
Gelegenheiten aus, verabschiedet sich auf Spaziergängen und holt sich
so, was er braucht, oder Sie unterbinden das Jagen erfolgreich und schaffen
sich dadurch einen stark frustrierten Hund, der auf Ersatzobjekte losgeht
(Jogger, Radfahrer, Autos...). Ihre einzige Möglichkeit mit diesem natürlichen
Bedürfnis des Hundes sinnvoll umzugehen, ist: ihn zu lehren, welche Beute
er jagen darf (z.B. Apportierbeutel, Ball) und welche nicht (Fahrzeuge, Menschen,
andere Tiere). Lassen Sie ihn jagen, aber entscheiden Sie, wie, was und wann!
Es hat Jahrzehnte gedauert, unsere Hunde so zu züchten, daß sie ganz besondere Eigenschaften besitzen und es wird auch Jahrzehnte dauern, aus diesen hochspezialisierten Hunden relativ anspruchslose "Familienhunde" zu machen!
Sinnvolle
Beschäftigung und Arbeit mit dem Hund:
Das große Problem vieler Hunde ist nicht die Überforderung, sondern
die ständige körperliche und geistige Unterforderung! Warum? Ursache
ist auch hier die Vermenschlichung des Hundes. Entspannen Sie sich auf den
Spaziergängen und geniessen das Nichtstun? Übertragen Sie Ihr Bedürfnis
nach Ruhe und Entspannung auf Ihren Hund und tarnen dies als "Freiheit"
(mein Hund hat es ja soooo gut, er darf ständig tun und lassen, was
er will...)? Wollen Sie wirklich wissen, wie es Ihrem Hund geht, wenn
Sie nichts von ihm fordern, außer ab und zu nett gucken, wenn
er ein Leckerli haben will?
Dann
verbringen Sie einmal einen Tag wie Ihr Hund:
Sie stehen auf,
putzen keine Zähne, waschen sich nicht. Das Frühstück steht
bereit. Sie lesen keine Zeitung, kochen keinen Kaffee. Das einzige, was Sie
tun ist : essen! Sie räumen den Tisch nicht ab und der Abwasch wird nicht
erledigt! Sie gehen nicht zur Arbeit. Jetzt überlegen Sie, was Sie tun
könnten. Ein paar Kekse liegen auf dem Teller im Wohnzimmer und lustlos
kauen Sie daran herum. Mein Gott, ist das langweilig..!
Es folgt ein kleiner Stadtbummel mit Ihrem Partner, der ihnen manchmal über
den Kopf streichelt aber sonst nichts von Ihnen wissen will. Sie kaufen nichts,
Sie fassen nichts an, Sie unterhalten sich nicht - nur gucken ist erlaubt!
Zu Hause steht das Mittagessen schon bereit - Sie brauchen den Tisch weder
zu decken noch abzuräumen, der Fernseher bleibt aus und es gibt auch
kein Buch zu lesen! Waschen, Bügeln, Putzen... all das fällt aus.
Nachmittags wieder der gleiche Spaziergang durch die Stadt: die gleichen Auslagen
in den Schaufenstern, der gleiche Weg... Zu Hause sind Sie kurz vorm Durchdrehen
und denken: "Wenn ich nicht gleich irgend etwas tue, werde ich verrückt!".
Sie gehen in den Garten und setzen sich dort auf die Bank. Nur die Gegend
anschauen ist erlaubt (auch, wenn es durch den hohen Zaun kaum etwas zu sehen
gibt). Sie zupfen kein Unkraut, sie fegen den Weg nicht frei, sie wischen
die Sitzbank nicht ab... Sie tun absolut nichts - nur herumsitzen und gucken!
Den Rest des Tages verbringen Sie im Wohnzimmer. Hier dürfen Sie den
Sitzplatz zwischen Sessel und Sofa wechseln - sonst aber natürlich nichts
tun. Knabbern Sie doch an Ihrem Keks, wenn Ihnen langweilig ist..! Fragen
Sie sich
abends vor dem Einschlafen ganz ehrlich: war das ein schöner Tag?
Vielen Hunden geht so - manchmal ihr ganzes Leben lang! Tun Sie Ihrem Hund den Gefallen und fordern Sie etwas von ihm! Es gibt einfache Spiele, die Sie ohne große Vorbereitung durchführen können. Für Futtersuchspiele ist fast jeder Hund zu begeistern; aus ein paar Eimern entsteht ein Slalom im Garten; lassen Sie Ihren Hund ganz gezielt bestimmte "Spielzeuge" bringen... Was lernt Ihr Hund dadurch? Dass die Zusammenarbeit mit Ihnen Spaß macht und Sie mindestens so spannend und interessant sind, wie der Rest der Welt...
Beschäftigung
unterwegs:
Mit ein wenig Phantasie läßt sich jeder Spaziergang interessant
gestalten. Haben Sie einen sportlichen Hund, dann nutzen Sie unterwegs
einen liegenden Baumstamm als Hindernis. Der Laternenmast ist eine Slalomstange.
Verlieren Sie doch Ihren Handschuh und suchen ihn verzweifelt auf dem Weg.
Ihr Hund hat ein wenig Angst vor dem Graben? Ja dann "hopp" - beide
zusammen natürlich!
Versuchen
Sie einfach die Welt Ihres Hundes etwas interessanter zu gestalten - er wird
begeistert sein!
Sie selbst sind so unsportlich? Kein Problem! Fordern Sie kleine Übungen
auf dem Spaziergang. Z.B. "Sitz", Hund warten lassen, sich
etwas entfernen, zurückgehen und Hund abholen (der wartet so lange im
"Sitz", bis Sie etwas anderes sagen). "Bleib" können
Sie sich übrigens schenken, oder sagen Sie auch "Fuß! Bleib!
Fuß!", wenn der Hund bei Fuß laufen soll?
Der
Hund läuft hoffentlich
solange "bei Fuß", bis Sie dieses Kommando aufheben
(z.B. mit "lauf"). Das gilt selbstverständlich auch
für alle anderen Kommandos (egal, ob "Sitz", "Platz",
"hier" ...), denn sonst weiss Ihr Hund natürlich nicht,
wie lange er etwas tun soll und entscheidet es selbst!
Wenn Ihr Hund ständige Freiheit geniesst und Sie nur etwas von ihm fordern,
was er als unangenehm empfindet, dann dürfen Sie sich nicht wundern,
wenn Ihr Hund nicht folgt! Beispiel: Sie machen
einen Ausflug und lassen Ihren Hund die ganze Zeit frei herumlaufen um ihn
nicht ständig mit irgendwelchen blöden Kommandos zu nerven. Am Ende
des Spaziergangs rufen Sie ihn heran, greiffen ins Halsband und leinen ihn
hecktisch an. Dann verfrachten Sie ihn ins Auto und fahren nach Hause. Ein
Hund der sich nach mehreren Wiederholungen dieser Prozedur noch problemlos
heranrufen lässt, muss schon ganz schön blöd sein, oder? Rufen
Sie ihn doch einfach mal so oder nehmen ihn zwischendurch ein kleines
Stück an die Leine. Wenn Sie das Ende des Spaziergangs auch noch etwas
netter gestalten und das Loben nicht vergessen, vermeiden Sie erfolglose "Einfangversuche"
auf dem Rückweg...
Apportieren
oder Stöckchenwerfen?
Kommt Ihnen das bekannt vor: Ihr Hund rennt mit einem Stöckchen durch
die Gegend, wirft es Ihnen vor die Füße und bellt. Sie werfen es
fort und Ihr Hund rennt los, ergreift es und läuft damit wie ein Irrer
herum? Nachdem er es zerbissen hat, macht er sich auf die Suche nach einem
neuen Stöckchen und das Spiel geht von vorne los? Dabei verblödet
jeder Hund! Für ihn hat das Ganze nämlich eine andere Bedeutung:
das Stöckchen ist eine Ersatzbeute! Wird es geworfen, so löst das
den Jagdtrieb aus. Der Hund schießt darauf zu, hat einen Jagderfolg,
behält die Beute für sich und macht damit, was er will. Wie wollen
Sie diesem Hund beibringen, dass er sich ganz anders verhalten soll, wenn
z.B. ein Hase auftaucht und den gleichen Trieb auslöst? Das sofortige
Losstürmen, das Verfolgen der Beute, das Rennen bis das Ziel erreicht
ist... all das haben Sie ihm beigebracht und wundern sich, dass Ihr Hund auf
alles losschießt, was sich bewegt? Durch korrekte Apportierarbeit lernt
ihr Hund z.B. zu warten, bis Sie ihn losschicken, mitten im Laufen abrupt
anzuhalten, die Beute nicht nur zu bringen sondern auch freiwillig abzugeben,
oder von mehreren Objekten nur eines zu holen und alle anderen zu ignorieren.
Wenn er das gelernt hat, kann er es auch in anderen Situationen umsetzen (z.B.
Wild, Hundebegegnungen, Jogger...).
Haben Sie noch nie einen Hundekampf gesehen, möchten aber gerne einmal live dabei sein? Dann werfen Sie Stöckchen, Bälle oder sonstige Objekte, wenn fremde Hunde in der Nähe sind. Stürzen sich die Hunde erst auf die Beute, dann auf sich selbst und endet dies dann in einem ernsten Kampf, dann kommentieren Sie die Verletzungen der Hunde einfach mit unschuldiger Miene und einem "Ach, wie konnte das nur passieren? Es ist doch das Spielzeug von meinem Wuffi - das durfte Ihr Hund ihm doch nicht einfach wegnehmen..!".
Eine letzte Warnung: Hundefrisbee ist stark in Mode. Immer mehr Menschen erfreuen sich an den gewaltigen Sprüngen dieser Hunde. Das gesamte Gewicht lastet bei der Landung auf den hinteren Gelenken. Diese Sprünge gehören nicht zu dem natürlichen Bewegunsrepertoire eines Hundes - er würde sie niemals von sich aus durchführen! Die Begeisterung der Hundesportler hat spätestens dann ein Ende, wenn die Gelenke Ihrer Hunde nach einigen Jahren regelrecht zertrümmert sind und er eingeschläfert werden muss, weil er vor Schmerzen nicht mehr laufen kann... Keine Sportart also, sondern lediglich Geschäftemacherei auf Kosten der Gesundheit vieler Hunde!